Mein Leben mit RDS

In diesem Abschnitt möchte ich meine "Geschichte" erzählen, die für einen RDS-Patienten sicherlich recht typisch ist und bei der der eine oder andere Leser bestimmt "Wow, genau wie bei mir!" denken wird, ich möchte Euch meine Erfahrungen mit RDS, meine Definition von RDS und meine Therapieansätze vorstellen. Vielleicht erkennt Ihr Euch ja wieder, vielleicht könnt Ihr Euch auch einfach nur ein paar Tipps raus ziehen. Viel Spaß...

Herbst 2001 - Der Anfang allen Übels

Vor ca. 4 Jahren fiel mir auf, daß ich fettes Essen plötzlich schlecht vertragen habe (Durchfall). Zuerst schenkte ich dieser Tatsache wenig Bedeutung ("Kommt ja schon mal vor"), denn es betraf ja nur die ein oder zwei Besuche im Monat beim Griechen um die Ecke (und "der kocht halt so fett!"). Kaum hatte ich die Gabel aus der Hand gelegt, ging's ganz schnell auf Toilette und der Durchfall war da. Diese "Einlagen" kamen dann aber immer öfter und obwohl kurz nach dem Stuhlgang wieder alles OK zu sein schien, machte ich mir langsam Gedanken. Eines Tages dann, als ich bequem in meinem Sessel schaukelnd eine gute Zigarre rauchte, verspürte ich plötzlich ein irrsinniges Stechen links im Bauch. Der Schmerz war stärker als alles was ich bis dato kannte und ich brauchte ca. 2 Tage um mich davon zu erholen. Das war wohl mein Schlüsselereignis und ich habe mir meinen ersten Arzttermin in dieser Sache vereinbart.

Das Fiasko beginnt...

Nennen wir den konsultierten Dorfinternisten der Einfachheit halber Dr. Schnell. Herr Dr. Schnell hatte wenig Zeit (ist ja klar, denn zu dem Zeitpunkt war ich ja auch "nur" Kassenpatient, aber das ist eine andere Geschichte...) und weil er es so eilig hatte, hielt er mir seinen Schallkopf auf den Bauch ("Da machen wir mal ein Ultraschall, dann haben wir das gleich..."), klärte mich darüber auf, daß ich eine leichte Fettleber hätte ("halb so schlimm") und mein Pankreas (Bauchspeicheldrüse) defekt sei, man das aber mit einem Enzympräparat schnell in den Griff bekommen könne (dieses Präparat müsse ich dann halt mein Leben lang nehmen, aber die Kasse zahlt das...). Der Vollständigkeit halber wurde noch Blut genommen ("schauen wir mal...") aber da war wohl alles unauffällig. Diagnose nach 10 Minuten: Pankreas defekt, Ozym verschrieben, auf Wiedersehen!

Zuhause angekommen rümpft meine Freundin die Nase (die ist Tierärztin) über die rasante Untersuchung und noch viel schnellere Diagnose, schweigt aber erst mal. Vor den Mahlzeiten habe ich also Ozym (führt dem Körper die Verdauungsenzyme zu, die ein defekter Pankreas nicht mehr oder nur unzureichend produziert) genommen und siehe da, mir geht's wieder gut - für genau drei Tage, dann fängt alles von vorne an und die Wunderkapseln helfen gar nicht mehr (wußtet Ihr übrigens, daß RDS-Patienten auch viel stärker auf Placebo ansprechen als Gesunde?).

Einige Monate habe ich mich also wieder mit den inzwischen regelmäßigen Durchfällen und nahezu permanent vorhandenen Schmerzen im Bauch rumgequält, denn in Sachen Arztbesuch war ich ja noch nie der Held, bis das ganze so behindernd wird, daß ich mich doch dazu entschließe, einen anderen Internisten aufzusuchen (an dieser Stelle sei meiner lieben Freundin für das gute Zureden gedankt, daß Sie mir auch während meinen Lieblingssendungen im TV oder des Abends beim gemütlichen Lesen im Bett nicht ersparte...).

Nennen wir den zweiten Internisten (jetzt immerhin schon mit Praxis in der großen Stadt) einfach Onkel Dieter (denn der war tatsächlich der Großonkel meiner Freundin - oder so ähnlich - aber das ist eine andere Geschichte...). Onkel Dieter nimmt sich für den Freund des irgendwie um ein paar Ecken mit ihm verwandten Mädchens also etwas mehr Zeit und der traut sich wieder mal in die Höhle des Löwen. Nach einer gründlichen Anamnese von ca. einer Stunde (und zwei DIN A4 Seiten Notizen) fühle ich mich wirklich ernstgenommen und als Onkel Dieter dann nicht nur wieder was vom Ultraschall erzählt, sondern damit anfängt, meinen Bauch abzutasten, mir dabei viele Fragen zu stellen und mir zu erklären, daß Herr Schnell aber außergewöhnlich schnell war bei seiner Diagnose, schöpfe ich Mut. Es folgen Blutbilder (Leberwerte, Pankreas etc.), Stuhluntersuchungen auf Parasiten und Blut, Urinstatus und Atemtests zum Ausschluß von Bakterien- und Pilzbefall, Röntgen (Kontrastpassage des Verdauungstraktes), Rektoskopie und Glucosetoleranztest und - wer hätte es gedacht - alles ohne Befund! Onkel Dieter verschreibt mir Omeprazol um meinen Magen etwas zu beruhigen, empfiehlt mir Tee statt Wasser zu trinken und schreibt mir für alle Fälle noch ein Fläschchen Lopedium (Imodium) auf und kündigt mir weiterführende Untersuchungen solcherart an, daß ich mich dazu entschließe, mich wiedereinmal für ein paar Monate besser zu fühlen und den Weißkittel zu meiden.

Es folgen geschäftliche und private Auslandsreisen, die mich durch meine Durchfälle und der inzwischen fast noch dominanteren Angst vor selbigen fast in den Wahnsinn treiben und die ersten Vermeidungsstrategien ("Dann geh' ich heute einfach nicht ins Kino, dann kann da auch nichts schief gehen!"). Ich beginne bewußter darauf zu achten was ich esse und erkenne erste Zusammenhänge ("Milch und Ananas, Hose naß!") versuche aber auch immer mehr vermeintlichen Problemsituationen aus dem Weg zu gehen, sage Geschäftstermine ab, sehe meine Freunde immer seltener und ziehe mich zurück. Ca. 9 Monate nach dem letzten Arztbesuch entschließe ich mich, einen Spezialisten zu konsultieren um dieses Problem endlich loszuwerden, das mein Leben immer stärker bestimmt.

Nennen wir den dritten Protagonisten unserer Geschichte einfach den Professor. Ich habe mich also entschlossen, den gastroenterologischen Guru der humanmedizinischen Fakultät der hiesigen Uni aufzusuchen, denn wenn's ein Professor nicht weiß, wer soll's denn dann wissen? Glücklicherweise habe ich zwischenzeitlich meine gesetzliche Krankenversicherung durch eine private ersetzt; glücklicherweise weil der Professor nicht für jeden Zeit hat.
Der Professor hört sich also ca. 20 Minuten an was ich zu sagen habe, schaut, während ich von meinem beruflich bedingten Streß erzähle, mehrfach auf die Uhr und antwortet dann nur: "Da machen wir mal eine Magenspiegelung, eine Spiegelung des Dickdarms, da röntgen wir die Lunge, machen mal ein Belastungs-EKG, da schauen wir uns mal Ihr Blut an und machen ein Schilddrüsenszintigramm, da checken wir Sie noch mal auf Parasiten, Pilze und Bakterien und dann sehen wir weiter."
"Wow" dachte ich, "der schießt ja gleich scharf" und das, wo ich ja eh nicht so ein Held bin (aber das erwähnte ich ja bereits weiter oben und das ist eine andere Geschichte...). Die Aussicht auf all die unangenehmen Untersuchungen war nicht gerade dazu geeignet, mir beim Streßabbau zu helfen, aber da mußte ich wohl durch (und meine Freundin hat mir das bestätigt, mir gut zugeredet und.....genau: ne andere Geschichte ;-) ).
Um das ganze etwas abzukürzen hier nur das wichtigste:
Coloskopie ohne Befund, Gastroskopie ohne Befund, Schilddrüsenszintigramm ohne Befund, Röntgen der Lunge ohne Befund und so weiter und so weiter bis auf das Blutbild, dort fielen erhöhte Leberwerte und ein sehr niedriger Cholesterinwert auf. Diagnose des Professors: Keine. Empfehlung des Professors: Etwas abnehmen, fettarme Kost, Bewegung und ein Fläschchen Imodium für alle Fälle.

Zu diesem Zeitpunkt war ich - und das können andere Betroffene sicher nachfühlen - am Boden zerstört. Alles was ich wollte, war endlich eine Diagnose. Egal wie ernst nur bitte eine Gewißheit und was ich erhielt war nur wieder das Gefühl, ein Hypochonder zu sein, mir alles nur einzubilden, einen "Schuß" zu haben.

Ich brauchte einige Monate um über diese Erfahrung hinwegzukommen, freute mich aber nach und nach über kleine Erfolge, die ich selbst erreichte. Daß ich zu viel beruflichen Streß hatte, war mir klar und ich tat alles, um diesen zu reduzieren. Aus der 90-Stunden-Woche wurde die 55-Stunden-Woche, ich versuchte mich viel seltener über jeden Blödsinn aufzuregen (darin war ich Weltmeister), ich versuchte nicht alles nur schwarz oder weiß zu sehen (denn fast das ganze Leben besteht aus den Tönen dazwischen), tauschte die Stadtwohnung mit lautstarken Nachbarn gegen ein sehr ruhig gelegenes Haus auf dem Lande und lehnte mich öfters mal zurück und atmete tief durch. Auf meine Ernährung achtete ich etwas mehr, indem ich die Lebensmittel, von denen ich genau wußte, daß sie mir nicht bekommen würden, öfters mal wegließ, Alkohol und tierische Fette waren ja eh tabu und letztendlich habe ich mich sogar aufgerafft und angefangen zu laufen (und wenn Ihr mich kennen würdet, würdet Ihr spätestens jetzt wissen, wie ernst es mir war, denn ich war bisher der faulste Mensch der Welt!).
Der Streßabbau durch die geänderten Lebensumstände und die Bewegung (mindestens 3x wöchentlich 45 Minuten laufen) hat sich sehr positiv auf mein Leben ausgewirkt. Die bewußtere Ernährung machte mir das Leben auch erträglicher, aber trotz all der erzielten Besserungen war mein Grundproblem noch da und als ich also wiedermal - nach nunmehr fast 4 Jahren seit dem ersten Treffen mit Herrn Schnell - meiner Freundin vorjammerte, wie schrecklich ein Leben ist, in dem man sich nicht mal mehr traut, seine Freunde zu besuchen, weil die Angst vorm Durchfall und den Schmerzen größer ist, wie schrecklich ein Leben ohne Reisen ist (und bis zu meiner ersten Bekanntschaft mit RDS war ich reiseverrückt), habe ich mich schließlich doch noch mal dazu aufgerafft, etwas zu unternehmen.

Meine Freundin, die zwischenzeitlich fertige Tierärztin war und an Ihrer Promotion arbeitete (mit dem Thema Herpes beim Pferd statt RDS beim Menschen...) ging noch mal alle Befunde mit mir durch, entdeckte Lücken (so wurde ich zwar auf Parasiten untersucht, jedoch nie auf einzellige und meine Bauchspeicheldrüse konnte weder beim Röntgen noch beim Ultraschall wirklich dargestellt werden) und stellte einen Schlachtplan auf. Zwischenzeitlich hatte ich auch privat einen Internisten in meiner Nähe kennengelernt, der sich gerne dazu bereit erklärte, sich zum einen die notwendige Zeit für mich zu nehmen, um sich die ganze, inzwischen sehr lange Geschichte nochmal anzuhören, mir aber auch versicherte, nicht beleidigt zu reagieren, wenn ihm eine Tierärztin Tipps zur weiteren Vorgehensweise geben würde (denn wer außer mir kannte meine Probleme besser als sie und das mit Ihrem naturwissenschaftlichen Wissen?). Nennen wir unseren neuen Mitspieler doch aus gegebenem Anlaß einfach Dr. Best.

Dr. Best hörte sich alles an, las lange und ohne Zeitdruck alle Befunde, untersuchte mich noch mal gründlich und empfahl dann Stuhlproben auf einzellige Parasiten zu untersuchen (sehr aufmerksam!), ein großes Blutbild, einen Urinstatus sowie ein Abdomen-CT durchzuführen um endlich meinen Pankreas darzustellen (die Tierärztin nickte nur anerkennend).
Nachdem das CT ohne Befund blieb (außer der Fettleber, die sich aber schon zu regenerieren schien) genauso wie die Stuhl- und Urinuntersuchung und das Blutbild neben den üblichen Leberwerterhöhungen, die aber ebenfalls schon etwas besser aussahen, nichts auffälliges zeigte, hörte ich also zum ersten Mal die Diagnose: Reizdarmsyndrom.

Wie glücklich mich diese Diagnose machte, versteht wohl auch nur ein Betroffener. Endlich hatte ich was, da war etwas Greifbares und ich war nicht der Spinner, der Irre, der sich alles nur einbildete! Wenn ich Bauchschmerzen hatte, dann waren da auch Bauchschmerzen und ich hatte mir das nicht bloß ausgedacht!

Innerhalb der letzten zwei Wochen habe ich mir nun also sämtliche Literatur zum Thema RDS besorgt, stundenlang im Internet gestöbert, damit begonnen, einen Schlachtplan zu entwerfen, angefangen meine Ernährung noch konsequenter umzustellen und zu guter letzt auch gute Erfahrungen mit Duspatal von Solvay gemacht, welches mir Dr. Best verschrieben hatte, um meine Darmkrämpfe zu lindern. Da ich mir viel von Kontakten zu Mitbetroffenen erhoffe, habe ich mich dann auch dazu entschlossen, diese Website aufzubauen und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr Euch an deren Ausbau rege beteiligen würdet.

Daß noch keine wirklich erfolgversprechenden Therapien bekannt sind und bei vielen Patienten vielleicht niemals eine Besserung zu erkennen sein wird, entmutigt mich nicht.

Zu wissen, wie der Gegner heißt, ist schon die halbe Miete.
Also gehen wir's an!

Herbst 2002 - Auf dem richtigen Weg

Im Dezember 2001 habe ich diese Seite erstellt und der Welt meine Geschichte erzählt.
Heute möchte ich Euch, angeregt durch eine konkrete Nachfrage, auf den neuesten Stand bringen:

Mir geht es zwischenzeitlich viel besser. Vor einer Woche habe ich Duspatal abgesetzt und ich bin nahezu beschwerdefrei.

Ich denke immernoch (und immer mehr), dass wir uns unsere Probleme (im Kopf) selbst machen. Negativer Stress (ob durch den Beruf oder Erfahrungen) und Ängste sind m.E. der Kern des Problems (mit den Ängsten habe ich übrigens noch immer zu tun, auch wenn ich mich in diesem Bereich ebenfalls auf einem guten Weg befinde).

Was habe ich getan?

Tja, ich weiss es nicht wirklich. Ich glaube, ein wichtiger Schritt war, die Krankheit an sich zu akzeptieren. Um sie zu akzeptieren, musste ich aber alles über sie wissen, was bei RDS - wie die meisten wissen - recht schwierig ist, aber ich glaube, schon alleine das Wissen um die Tatsache, dass ich nicht alleine war und bin (siehe Forum) und dass ich mir eben nichts einbilde und nicht "verrückt" bin, war der erste Schritt; ob die Krankheit nun RDS heisst oder wie auch immer, spielt dabei keine Rolle (heute glaube ich sogar, RDS ist einfach ein Begriff für alle internistischen Probleme, auf die die Halbgötter in Weiss keine Antwort haben).

Nachdem ich sie nun also akzeptiert hatte (ja, das ist mir wirklich gelungen, ich sehe sie sogar sehr oft als etwas Gutes an, denn ohne die Krankheit hätte ich mich mit vielen Dingen nie so intensiv auseinandergesetzt, wie ich es jetzt getan habe und viele davon waren sehr gut für mich und haben mich wirklich weitergebracht), musste ich anfangen sie zu bekämpfen.

Ich habe sehr schnell gemerkt, dass mir, wenn es mir "schlecht" geht, auch wirklich nichts bekommt und wenn es mir "gut" geht, ich oft alles vertrage (von Laktose abgesehen aber das ist eine andere Geschichte), also musste die Ursache doch wirklich im Kopf stecken, auch wenn sie unstrittig physische Beschwerden verursachen konnte und kann.

Ich habe sehr viel über mich und mein Leben nachgedacht, habe innere Ruhe gesucht (und gefunden), betreibe weiter meinen Ausdauersport (Laufen...alleine und nicht mit anderen, denn ich bin ja hauptsächlich für den Kopf, fürs Abschalten gelaufen und nicht für die Muskeln oder gegen das Fett) und habe mich mit den Menschen, die mir wirklich wichtig waren, oft unterhalten und ausgetauscht. Anfangs habe ich mir bei dieser selbst auferlegten Therapie von Medikamenten helfen lassen (Duspatal gegen die Standardbeschwerden und Imodium für den Notfall - also gegen meine Angst vor dem Durchfall und nicht etwa gegen den Durchfall selbst) und es funktioniert...ganz langsam...aber stetig.
Ein Problem, das sich über Monate, ja Jahre einschleicht und manifestiert, wird man nicht über Nacht los - auch das muss man akzeptieren.

Heute weiss ich, dass ich zu den 20% der RDS-Betroffenen gehören werde, die wieder ganz gesund werden und auch wenn sich die Schulmedizin nicht erklären kann warum - ich kann es!

Frühjahr 2004 - Das Leben ist schön

Und wieder ist ein Jahr vergangen, Zeit für ein Update: Es geht mir immernoch gut. Ich bin zwar nicht komplett beschwerdefrei, habe meine Krankheit aber mit etwas Disziplin sehr gut im Griff.

Sehr wichtig scheint auch heute noch eine konsequente Ernährung zu sein und ich entdecke immer mal wieder Nahrungsmittel, die ich nicht vertrage (Erdbeeren und saure Gurken waren die letzten Entdeckungen), habe aber dank meiner intensiven Beschäftigung mit meiner Ernährung (nun schon seit Jahren) und viel Erfahrung nun kaum noch ernsthafte Beschwerden und bin in meinem alltäglichen Leben kaum noch eingeschränkt. Medikamente nehme ich keine mehr, habe aber immer noch für den Fall der Fälle mein Imodium bei mir.

Sport hilft mir immernoch sehr und ich bin ein begeisterter Läufer geblieben, auch wenn ich mich über die Wintermonate nur schwer aufraffen kann ;-)

Ich verreise wieder - inzwischen sogar in Länder wie Kuba mit 12 Stunden Flug und praktisch nicht vorhandenem Netz an öffentlichen Toiletten - und mache mir immer weniger Gedanken über meine Krankheit (was mir sehr gut tut), komme dabei aber immer öfter zu einem interessanten Schluss: Meine Krankheit hat mir neben meinen Beschwerden auch viel Positives gegeben; ich denke öfters und intensiver über mein Leben nach, habe meine Prioritäten neu geordnet, lasse 5 öfters mal gerade sein und geniesse jeden eizelnen Tag.

Ich wünsche Euch alles Gute und ich hoffe, meine Geschichte und diese Seite (das Forum ist ja inzwischen das größte deutschsprachige zum Thema RDS im Internet) helfen Euch weiter!

Frühjahr 2005 - Ein Resumé

In einem Beitrag in unserem Forum heisst es, dass ich zu den 25% gehöre, bei denen RDS geheilt wurde oder bei denen es zumindest zu einer dauerhaften Besserung gekommen ist (zweiteres ist übrigens zutreffend). Diese Zahl wurde von der Schulmedizin in den Raum geworfen (siehe "Kurzleitfaden Reizdarmsyndrom" von W. Kruis und M. Rebstock im Literaturbereich), von genau der Schulmedizin, die RDS ansonsten ziemlich ratlos gegenüber steht, die meist unfähig ist, uns etwas Konkretes zu Ursachen und Therapie zu sagen, die aber anscheinend glaubt, uns Zahlen zur Genesungsquote präsentieren zu können. Ich halte davon nichts und ich bin davon überzeugt, dass diese Zahl auch falsch ist.

Vielleicht könnte man sagen, dass derzeit bei ca. 25% aller Betroffenen eine Heilung/stetige Besserung eintritt (ein solch komplexes Problem wie RDS-Beschwerden wird man eben nicht über Nacht und nicht mit ein, zwei Patentrezepten los), dass RDS aber prinzipiell nur bei 25% aller Patienten HEILBAR sein soll, ist meines Erachtens Blödsinn!

Es tut mir leid, wenn ich mit meiner (u.a. im Forum vertretenen) immer kritischeren Meinung zu RDS Verwirrung stifte, aber ich kann mich mit grossen Teilen der inzwischen von allen Seiten (Schulmedizin, Betroffenen...) gewonnen Erkenntnisse zu diesem Krankheitskomplex nicht mehr identifizieren. Auch fällt auf, dass fast ausschliesslich über Diagnose und Ursachen gesprochen wird, man sich im Bereich Therapie aber fast ausschliesslich mit der Symptombekämpfung und fast nie mit Heilungsansätzen beschäftigt.

"Klar, weil man noch keine Heilungsansätze kennt!", sagst Du gerade...

Ja, RDS ist, wie gesagt, ein sehr komplexes Thema und nein, es hat wohl keiner ein Patentrezept dagegen, ich bin aber davon überzeugt, dass es weit mehr über Heilungsansätze zu sagen gäbe...

Warum wird dann nicht darüber gesprochen?

Diese Frage stelle ich mir auch. Weil es keine Heilungsansätze gibt? Nein, das glaube ich nicht, mögliche Antworten könnten eher sein:

- Weil Einzelne vielleicht Angst haben, unglaubwürdig zu erscheinen, wenn sie einen Lösungsansatz präsentieren, aber doch selbst noch gar nicht komplett geheilt sind

- Weil Leute, die eine Problematik wie RDS in den Griff bekommen haben, gerne eine weitere "unnötige" Konfrontation mit der Krankheit vermeiden (warum sollte man sich z.B. in einem RDS-Forum an RDS erinnern lassen, wo man doch so gut ohne leben kann/möchte?) und sich daher ausklinken

- Weil unkonventionellen Lösungsansätzen in nahezu jedem Bereich unserer Gesellschaft mit grösstem Misstrauen begegenet wird und man sich als Vertreter eines solchen meist erst einmal rechtfertigen muss anstatt sich über Inhalte austauschen zu können

- Weil es recht mutig scheint, sich als Schüler, Student, Hausfrau oder Verkäufer gegen die - zugegebenermassen spärliche aber doch vorhandene - Meinung der Grössen der Schulmedizin zu stellen, obwohl doch gerade wir RDS-Betroffene die kritischsten im Umgang mit der Schulmedizin sein sollten, dazu muss man ja nur mal die teilweise sehr kuriosen Therapieansätze von so manchem Internisten in der Rubrik "Meine ganz persönliche Geschichte" in unserem Forum lesen.

Was also ist RDS eigentlich?

Der Beschwerdekomplex, der gemeinhin als RDS bezeichnet wird, fasst für mich eine Vielzahl von Leiden zusammen, die sehr oft ihren Ursprung in der Psyche haben, sich aber unbestreitbar in physischen Beschwerden ausdrücken und für die die Schulmedizin (noch) keine weitere Definition parat hat - quasi eine Sammlung allen internistischen Elends, das nicht in vorhandene Kategorien passen will, sich immer aber durch eine Kombination von psychischen und physischen Leiden auszeichnet.

Für diese These spricht für mich auch die Vielzahl oft unterschiedlichster, teilweise sogar gegensätzlicher Symptome (z.B. "Durchfalltyp" <=> "Verstopfungstyp") und die sehr unterschiedlichen Krankheitsverläufe (der eine hat Schmerzen, der andere nicht, der eine leidet an Übelkeit, der andere nicht, der eine hat Durchfall, der andere Verstopfung, der Dritte hat es im Wechsel usw.) aber auch die unterschiedlichen Therapieansätze (dem einen hilft Sport, dem anderen nicht, bei dem einen scheint alles mit einer Laktose- oder Fruktoseintoleranz zusammenzuhängen, der andere verschlingt Käse kiloweise und sagt es tut ihm auch noch gut etc.).

Folglich gibt es für mich nicht DAS RDS, sondern nur diese nebulöse Sammlung unterschiedlichster Beschwerden, die sich allerdings alle durch eines auszeichnen und an einem Punkt eine entscheidende Gemeinsamkeit aufweisen: Ermöglicht werden diese Beschwerden durch die sehr enge Verbindung Gehirn <=> Darm, über die man leider noch immer viel zu wenig weiss (siehe z.B. "Der kluge Bauch" von M. Gershon im Literaturbereich). Nicht umsonst heisst es "Liebeskummer schlägt mir auf den Magen" und nicht umsonst sitzt ein grosser Teil aller Menschen vor Prüfungen ausgiebiger als sonst auf der Toilette.

Das Problem der Schulmedizin kommt für mich genau hier zum tragen: Man weiss zu wenig (Hirn-Darm-Achse) und es fehlt der ganzheitliche Ansatz! Der Internist macht da z.B. diverse endoskopische Untersuchungen, untersucht den Stuhl, macht ein Blutbild etc. pp. und kommt letztendlich zu dem Schluss: Der Patient ist völlig gesund!
Da der Patient aber unbestritten leidet, kann nur ein psychisches Problem vorliegen - also ab zum Psychiater. Der Psychiater wiederum beschäftigt sich kaum mit organischen Leiden und tendiert daher im speziellen Fall RDS leicht dazu, Symptombekämpfung zu betreiben. Da geht man dann z.B. gegen vorhandene Ängste vor, die sich zwischenzeitlich manifestiert haben (was unbestritten sinnvoll ist) und ist sich sicher, damit das Übel an der Wurzel zu packen, aber wo kommen denn die Ängste her? Sind wirklich Ängste Auslöser unserer Beschwerden oder haben nicht viel mehr unsere organischen Beschwerden und unser Leidensdruck diese Ängste erst entstehen lassen? Wer war zuerst da, das Huhn oder das Ei?

Begünstigt werden die RDS-Leiden meiner Meinung nach durch zahlreiche Faktoren, die man schon heute klar benennen kann, man darf aber auch hierbei nicht aus den Augen verlieren, dass nicht jeder dieser Faktoren wieder auf jeden zutreffen muss - dazu ist, wie bereits erwähnt, der Beschwerdekomplex zu umfangreich:

- Stress (negativer Stress)

- Ängste (Angst, zu versagen, Angst, es niemandem recht machen zu können, Angst, zu enttäuschen...)

- Mangelndes Selbstwertgefühl (nicht zu verwechseln mit Selbstbewusstsein - viele Betroffene sehen für andere so aus, als könnte sie nichts umhauen, werden diesem Bild aber im Innern gar nicht gerecht)

- Unverträglichkeiten und Allergien (ein wichtiger Faktor - aber eben nur einer und für mich kein alleiniger Auslöser)

- Zu wenig Bewegung (wir fordern unseren Körper nicht, wir geben ihm quasi "nichts zu tun")

- Mangel an Ordnung und geordneten Abläufen (ich halte Rituale und gewohnte, immer gleiche Abläufe für extrem wichtig, geben diese doch immer ein Gefühl von Sicherheit, in unserem stressigen Alltag verschwinden diese aber immer mehr)

- Veränderungen und Einschnitte (der Tod eines lieben Menschen oder der Verlust der Arbeit etc. - nicht immer schaffen wir es, solche Ereignisse adäquat zu verarbeiten - siehe Hirn-Darm-Achse)

- Unzufriedenheit und Unglück

- Schlechte und unausgewogene Ernährung

So komplex wie die begünstigenden Faktoren sind (ich habe sicher welche vergessen) muss aber auch eine erfolgversprechende Therapie sein.
Der Schlüssel ist (und jetzt komme ich von der eigentlichen Definition von RDS ab) meines Erachtens der ganzheitliche Ansatz, der sowohl Psyche als auch Physis aber vor allem das Individuum berücksichtigt und erkennt, dass nur ein Gleichgewicht aller Faktoren - also auch eine gleichzeitige Therapie von Körper und Geist - zum Erfolg führen kann.

Mögliche Therapieansätze

Vorneweg die obligatorische Anmerkung: Was mir hilft muss Dir (leider) nicht unbedingt auch helfen (siehe "Berücksichtigung des Individuums" weiter oben) und wenn Du jetzt eine Zauberformel erwartest, muss ich Dich enttäuschen - Du wirst - zumindest als Leser unseres Forums - nicht viel Neues hören!

Erste Säule: Die "klassischen" Therapieansätze

1. Ausdauersport/Bewegung
Ich habe - wie ganz oben beschrieben - mit dem Laufen angefangen; in erster Linie nicht um fit im klassichen Sinne zu werden, sondern um meinen Kopf frei zu bekommen und ich laufe deshalb auch grundsätzlich alleine und in schöner Umgebung im Wald. Nebenbei hat die regelmässige Bewegung aber sicher auch einen regulativen Einfluss auf meine Verdauung. Wichtig war hier für mich konsequent zu sein. So laufe ich seit ca. 3 Jahren (Stand Ende 2004) mindestens 2 eher 3 mal 45-60 Minuten die Woche. Ich fahre heute nicht Fahrstuhl, sondern ich nehme die Treppen etc.

2. Diät
Ich habe durch eine Suchdiät und "trial and error" herausgefunden, was mir bekommt und was nicht, und kann heute kaum noch glauben, wie "kopflos" ich früher gegessen habe. Ich achte auch viel stärker auf die Qualität der Lebensmittel, die ich zu mir nehme (lieber einmal die Woche Fleisch vom Bio-Bauern als fünf mal die Woche aus dem Supermarkt). Meine Ernährungsumstellung trägt sehr zu meinem Wohlbefinden bei, aber auch hier ist Konsequenz gefragt.

3. Allergien und Unverträglichkeiten abklären
Ich habe bei mir diverse Lebensmittelallergien und eine Laktoseintoleranz feststellen müssen. Die konsequente Vermeidung der entsprechenden Lebensmittel hilft mir ebenfalls sehr.

4. Stressabbau
Ich habe meine Arbeitszeit halbiert (früher 90+ Stunden/Woche) und bin von der Stadt aufs Land umgezogen (siehe hierzu auch die zweite Säule weiter unten).

5. Positive Ablenkung
Ich habe immer regelmässig versucht, meinen Kopf frei von meinen Beschwerden zu bekommen. Am besten gelingt dies meiner Meinung nach durch positive, angenehme Ablenkung. Ich habe mich also 2001 hingesetzt und mir bewusst ein neues Hobby gesucht, in dem ich so aufgehen kann, dass ich meine Beschwerden (zumindest zeitweise) vergessen kann.
Für mich war und ist dies die Fotografie, die mich bald so begeistert hat, dass ich mir immer öfter sagte "da muss dein Darm jetzt mal ganz stark sein, sonst hat er eben Pech, denn ich WILL jetzt da und dort hin um Fotos zu machen!" und das hat erstaunlich gut funktioniert. Meine "Ausflüge" wurden immer länger und waren fast immer beschwerdefrei.

6. Ausdiagnostizieren
Ich habe alle auf dieser Homepage beschriebenen schulmedizinischen Untersuchungen (teilweise mehrmals) über mich ergehen lassen, um ganz sicher zu gehen, dass meine Beschwerden nicht eine andere - vielleicht sogar schwerwiegendere - Ursache haben (Stichwort "Ausschlussdiagnose"). Zwar ist es nicht schön, nicht wirklich eine Diagnose zu bekommen und sicher zu wissen was man hat (das weisst Du wahrscheinlich inzwischen so gut wie ich), andererseits ist es aber auch durchaus positiv und gibt es ein Gefühl von Sicherheit, zu wissen, dass man keinen Darmkrebs, keinen Bauchspeicheldrüsenkrebs, keinen Magenkrebs, keine Colitis Ulcerosa, keinen Morbus Crohn und keine eingeschränkte Lebenserwartung hat!

7. Ritualisierung
Ich habe mir zahlreiche Rituale geschaffen und habe damit nicht nur Sicherheit gewonnen, sondern unter anderem auch meinen Darm erzogen (so gehe ich z.B. immer zu festen Zeiten zur Toilette).

Vielleicht hast Du jetzt - wie Eingangs angedroht - nicht viel Neues gehört. Wichtig ist aber auch bei der Umsetzung dieser Therapieansätze der Kopf (und das meines Erachtens wahrscheinlich sogar unabhängig davon, ob das individuelle RDS-Leiden mit dem Kopf zu tun hat oder nicht - siehe Punkte 1, 4 und 5).

Zweite Säule: Verstehen, akzeptieren, verarbeiten - das Ich

Über das Prinzip der ganzheitlichen Betrachtungsweise habe ich ja schon einiges gesagt. Für mich ist dies der Schlüssel zu meinem siegreichen Kampf gegen RDS gewesen.

Ich halte es hierbei für wichtig, nicht blind die erfolgversprechendsten Massnahmen (Stressreduzierung, mehr Sport, Diät s.o.) zu ergreifen, sondern erst einmal zu versuchen, sich selbst und die eigene Problematik zu begreifen und zu AKZEPTIEREN. Wenn früher Leute gesagt haben, sie hätten erst einmal lernen müssen ihre Krankheit (welche auch immer) zu akzeptieren, wusste ich nie was das bedeutet - heute weiss ich das ganz genau!

Im Detail heisst das für mich, dass ich ersteinmal habe herausfinden müssen, was denn eigentlich falsch läuft in meinem Leben und ich habe lernen müssen, zu akzeptieren, dass in meinem Leben überhaupt etwas falsch läuft. Dieser Rechercheprozess hat wirklich viel Zeit in Anspruch genommen; ich glaube, dass dies vor allem daran liegt, dass man selbst eben irgendwann - was die eigene Person angeht - eine Art "Betriebsblindheit" entwickelt. Was ich damit sagen will, ist, dass es unter Umständen sehr schwer sein kann, eigene Verhaltensweisen aber auch Charakterzüge als "schädlich" und "schlecht" zu definieren, die einen doch selbst seit Jahren auszumachen scheinen und die nie - subjektiv betrachtet - negativ behaftet waren.

Ich habe sehr viel über mich und das Leben nachgedacht (eine der guten Seiten dieser Krankheit!), eigentlich jahrelang. Ich habe sehr viel hinterfragt - nicht zuletzt mich selbst. Ich habe gelernt, dass ich nicht immer ein "guter Mensch" war und sehr viel Schlechtes in mir getragen habe und all dieses Negative hat mich auch negativ beeinflusst.
In einem Buch von Albom heisst es, dass wir Hass als Schutzschild benutzen, dass wir mit unserem Hass einen Menschen bestrafen wollen, der uns Böses tut, tatsächlich sei Hass aber immer ein Boumerang, tatsächlich strafen wir mit Hass immer zuerst uns selbst, erst zu verzeihen befreit.

Klingt fast schon nach einem religösen Ansatz, aber ich habe wirklich gelernt, dass mich positives Denken und der Versuch, ein besserer Mensch zu werden (und da habe ich noch einen langen weg vor mir) den entscheidenden Schritt weitergebracht hat. Wo ich früher dachte "das klappt nie" denke ich heute "klar klappt das" oder schlimmstenfalls "und wenn schon", wo ich früher dachte "das kann ich nicht, das schaffe ich nicht" denke ich heute "klar schaffe ich das" oder schlimmstenfalls "und wenn schon"...

Heute versuche ich unbedarfter zu leben, mir weniger Sorgen um morgen zu machen und lieber das Heute zu geniessen. Überhaupt lebe ich inzwischen viel mehr im Jetzt als im Gestern oder Morgen oder im Hätte, Wenn und Aber und wo ich früher immer zuerst einmal misstrauisch war, das Schlechte gesucht habe, gehe ich heute grundsätzlich (leider gelingt mir das noch nicht immer) vom Guten (auch im menschen) aus.

Für mich ist mein RDS ("ist", denn ich werde nach meiner persönlichen Definition immer RDS haben, auch wenn ich symptomfrei bin) rückblickend eine sehr direkte und unangenehme aber eben auch unüberhörbare Art meines Körpers gewesen, mir mitzuteilen, dass ich so nicht weitermachen kann, dass mein Leben so nicht funktioniert! Eine schlimmere Krankheit blieb mir bislang erspart und so sehe ich mein RDS als eine gelbe Karte, für die ich heute sogar in gewisser Weise dankbar bin.

So, das war ein etwas detailierterer Überblick und um gerade den zweiten Teil nach den klassischen Therapieansätzen vernünftig in Worte zu fassen, fehlt mir leider das Ausdrucksvermögen. Klar ist aber glaube ich geworden, dass es für mich nicht den einen Weg, die eine Massnahme gab und gibt, sondern nur ein Zusammenspiel aus vielen Massnahmen und Faktoren den Erfolg bringen konnte und bringt.



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